ralf rousseau
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Taiji und die Entwicklung unseres menschlichen Potentials

Meine Illusion

Als ich vor 22 Jahren begann, Taiji zu lernen, war ich voll von großen Erwartungen und Hoffnungen. Ich dachte, wenn ich durch das Praktizieren von Taiji lerne, meine Energie frei fließen zu lassen und dabei aufgerichtet und verbunden mit meinem Zentrum bleiben kann, wenn ich in mir selbst Ruhe und Harmonie finde, dann werde ich ein glücklicher und zufriedener Mensch sein. Ich werde voller Energie und Freude sein und auch stark und gesund.

Ich werde im Einklang mit mir und der Welt leben. Natürlich habe ich diese Gedanken nicht bewußt gedacht, aber irgendwie habe ich mir so etwas in der Art ersehnt. Im Verlaufe meines weiteren Weges auf diesem „Pfad“ ließen, natürlich, die Enttäuschungen nicht lange auf sich warten. Der erste große „echte“ Taiji Meister den ich traf wirkte auf mich eher verkniffen, irgendwie gar nicht so zufrieden und mit sich selbst und der Welt in Einklang und Harmonie. Er machte auf mich eher den Eindruck eines Militärbefehlshabers, als eines „weisen, gütigen Lehrers“ aus dem Morgenland. Das paßte überhaupt nicht in mein Konzept. Desto länger ich mich in der Szene bewegte, desto klarer wurde mir, daß das intensive Praktizieren von Taiji (und Qi Gong) und die Entwicklung von menschlicher und emotionaler Reife, sich zwar nicht gegenseitig ausschließen, aber keinesfalls unbedingt zusammengehören.

Taiji als Werkzeug

An diesem Punkt half mir die Vorstellung, Taiji als ein Werkzeug zu sehen. Wie und wofür wir dieses Werkzeug aber benutzen liegt an uns Selbst. Wenn jemand z.B. hauptsächlich Taiji übt, um stärker und machtvoller als andere zu werden, dann kann er das vielleicht ein Stück weit schaffen, bekommt aber im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen unter Umständen Probleme. Denn wer möchte schon gerne mit jemanden zusammensein, der immer der Überlegene sein will ? Wer übt, sich effektiv vor seinem „Gegner“ zu verbergen, um unangreifbar zu werden, der steht am Ende vielleicht plötzlich alleine da. Wer gar nicht so richtig übt, sondern nur einmal in der Woche zum Taiji -Kurs kommt, um nette Leute zu treffen, wird nicht erwarten können, durch Taiji sein Leben, oder sein Gesundheitsprobleme fundamental verbessern zu können. Das was wir aus dem Taiji „herausbekommen“ entspricht dem was wir „hineingeben“. Das was jemand hineingibt wird bestimmt von seiner Persönlichkeit und seiner Lebensgeschichte.


Ein langsamer „Entkrampfungsprozeß“ des Körpers und der Psyche 

Für mich als Taiji-Lehrer ist es immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie jeder Schüler dem Erlernen von Taiji völlig anders begegnet. Jeder bringt sein Persönlichkeitsstruktur und seine Lebensgeschichte mit in die Taijistunde. Genau hier liegt die Möglichkeit und die Gefahr. Die Gefahr besteht darin, daß wir irgendwann Taiji genauso machen wie wir alles andere in unserem Leben auch machen, daß unsere Gewohnheitsmuster das Taiji übernehmen, anstatt daß das Taiji unsere Gewohnheiten und Muster verändert. Die Chance entsteht dann, wenn wir diesen Zusammenhang bewußt nutzen. Ich sehe eine Aufgabe des Taiji-Lehrers darin, den Schüler immer wieder „freundlich zu erschüttern“, damit Bewegungsgewohnheiten und Muster sich nicht dauerhaft festsetzen können.

Hier kommen wir zu einem Punkt an dem sich meiner Meinung nach entscheidet, ob das „Werkzeug“ Taiji zur Entwicklung unseres gesamten menschlichen Potentials genutzt wird, oder „nur“ zum Erlernen von Spezialfähigkeiten.

Es gibt eine Verbindung zwischen den Bewegungsgewohnheiten und Mustern auf der Körperebene und dem was man auf psychischen Ebene Persönlichkeit und in der spirituellen Welt „das Ego“ nennt.

Diese Muster auf den verschiedenen Ebenen haben wir größtenteils in unserer frühen Kindheit, in Interaktion mit der Umwelt (Eltern, kulturelle Gegebenheiten etc.) gelernt. Aus diesen Lernerfahrungen entsteht ein bestimmtes Bild von uns Selbst, mit dem wir uns Identifizieren. Es entstehen Meinungen, Vorlieben,  Abneigungen, emotionale Reaktionsmuster und damit verbunden auch Bewegungsmuster, Atemmuster und eine bestimmte Art unsere Lebensenergie zu organisieren. Diese Muster sind zu einem kleinen Teil bewußt, größtenteils aber unbewußt und automatisiert. Sie bilden die Grundlage für das was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen und für die Art und Weise wie wir die Umwelt um uns herum wahrnehmen und mit ihr in Beziehung treten. Desto enger und inflexibler diese Muster sind, aus denen wir bestehen, oder besser: für die wir uns halten, desto schneller werden wir Probleme bekommen. Denn Muster und Gewohnheiten sind immer alt, kommen aus unserer Vergangenheit und legen sich wie Schleier um unser Erleben herum. Wir aber glauben so sei die Welt nun mal. Diese Muster sind immer mit einer inneren Anspannung verbunden. Die Persönlichkeit ist aus dieser Perspektive eine tiefe Anspannung im inneren unseres körperlichen, emotionalen und mentalen Seins, die uns daran hindert, mit der sich ständig wandelnden lebendigen Wirklichkeit direkt in Kontakt zu treten. Deswegen ist sie nicht schlecht oder falsch, denn sie vermittelt uns das Gefühl von Sicherheit und erlaubt uns, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe, zielstrebig zu handeln und uns zu schützen. Der Weg des Wachstums besteht nun aber darin, diese Verengungen und Verkrampfungen auf den verschiedenen Ebenen langsam wieder zu lösen. Das können wir  nicht erreichen, indem wir dagegen ankämpfen, denn dann erzeugen wir neuen Druck und überhaupt: wer kämpft denn da gegen wen? Im Gegenteil, wir brauchen Vertrauen und Akzeptanz. Wir können erst loslassen, wenn wir darauf vertrauen, daß wir getragen sind, daß es einen Grund gibt, der uns trägt. Auf der spirituellen Ebene wird diesem uns immer tragenden Grund verschiedene Namen gegeben: z.B. „Buddha-Natur“, „Wahres Selbst“, „Atman“ oder „Gott“.

Auf der körperlichen Ebene ist es die Erde und unsere Körperstruktur die uns, wenn wir es zulassen können, trägt. In diesen Sinne verstanden ist also Entwicklung ein langsamer  Entkrampfungsprozeß auf körperlicher, emotionaler und mentaler Ebene. Bei dem die Persönlichkeit oder das Ego in vertrauensvoller Weise bemerkt, daß sie bzw. es geborgen in einem viel größeren Zusammenhang ist und sich schließlich in diesen hinein entspannt. Die Welle wird sich bewußt, daß sie Teil des Ozeans ist.

Sich das „Nichtwissen“ eingestehen

Auf der spirituellen Reise geht es nicht darum unsere Persönlichkeit oder unser Ego effektiver und besser zu machen, ebensowenig geht es darum es zu bekämpfen oder zu überwinden. Aus meiner Sicht geht es darum, daß wir verstehen wer oder besser was wir sind. Das heißt aber vor allem, uns erst einmal einzugestehen, daß wir nicht wissen wer wir sind. Wenn wir in uns hinein horchen, dann finden wir eine „Zusammenballung“ von Meinungen, Gewohnheiten, Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und vieles mehr. Wir identifizieren uns mit Bildern über uns selbst, die man uns beigebracht hat. Wir glauben fest an ein „Ich“, das wir sind, das abgetrennt ist vom Rest der Welt und das wir schützen müssen. Das Festhalten an dieser Illusion ist die tiefe Ursache für unsere innere Verkrampfung.  Ich denke, diese Einsicht ist grundlegend sowohl im daoistischen, als auch im buddhistischen Denken. Wahrscheinlich ist das Eingeständnis, nichts über sich selbst und die Welt zu wissen der Ausgangspunkt für alle echten Weisheitswege. Sich allerdings wirklich auf diese Einsicht einzulassen ist für uns ziemlich verunsichernd und unerträglich.

„Nichtwissen“ ist für das Ego höchst unerträglich

Deswegen versuchen wir, lieber uns zu optimieren, stärker zu werden als andere, effektiver, schneller, besser, glücklicher zu werden. Und gerade hier bietet das Taiji und Qigong eine wunderbare Spielwiese. Aus psychologischer und spiritueller Perspektive kommt dem, was man Ich-Stärkung nennt durchaus wichtige Bedeutung zu. Denn nur ein „Ich“ was sich seiner Selbst sicher ist, kann genug Vertrauen entwickeln, um sich in den größere Zusammenhang hinein zu entspannen. Wenn Ziele wie Ich-Stärkung, Verbesserung der Gesundheit oder anderen überlegen werden, aber die einzigen Perspektiven eines Weges sind, dann ist es für mich kein Weg, der zur wirklichen Entwicklung unseres menschlichen Potentials führt. Dann  sind wir am Ende, wenn alles gut geht, vielleicht wirklich besonders geschickt, geschmeidig, gesund und anderen überlegen. In unserem Inneren aber immer noch unglücklich, denn das Eigentliche haben wir nicht begriffen. Hier scheint mir die buddhistische Lehre, wie sie heute vermittelt wird, eine klarere Perspektive zu geben. In vielen daoistischen Übungssystemen scheint mir doch oft das Bedürfnis  nach optimaler persönlicher Gesundheit, Effektivität und Potenz mehr im Vordergrund zu stehen, als der Wunsch die Natur unseres Seins zu verstehen und Liebe und Mitgefühl zu entwickeln.

Wie gehe ich persönlich damit um ?

Ich habe auf meinem Weg, das was ich im Taiji alleine nicht finden konnte in anderen Systemen gesucht und gefunden. Über den Umgang mit Emotionen und psychologischen Mustern habe ich in meinem Psychologiestudium und meiner Ausbildung zum körperorientierten Psychotherapeuten (Gerda Boyesen-Methode) viel gelernt. Eine Perspektive menschlichen Wachstums und spiritueller Entwicklung habe ich in der Begegnung mit buddhistischen und anderen Lehrern gefunden. Und doch ist mir im Verlauf dieses Weges das Taiji immer kostbarer geworden, denn es ist durch nichts anderes ersetzbar, enthält all diese in diesem Text angesprochenen Dimensionen und ist zugleich so wunderbar bodenständig und überprüfbar. Das Taiji ist ein guter Freund, von dem ich weiß, daß er immer da sein wird.

In meinem Unterricht trenne ich erst einmal diese verschiedenen Dimensionen menschlicher Entwicklung möglichst klar. Ich denke, daß ich von den Menschen die zu mir kommen einen bestimmten (oft unausgesprochenen) „Arbeitsauftrag“ bekomme. Wenn jemand sich zu einem Taiji-Kurs anmeldet, will er meist keine „Psychoübungen“ oder Auseinandersetzung mit seinen Beziehungsproblemen. Er will Taiji lernen, Rückenschmerzen loswerden, etwas über seinen Körper und evtl. über daoistische Philosophie erfahren. Wenn jemand sich zu einem Selbsterfahrungsworkshop bei mir anmeldet bekomme ich einen ganz anderen Arbeitsauftrag. Ich halte sehr wenig davon, die Dinge in der Praxis zu sehr zu vermischen. Man vermittelt dann ein bißchen Taiji, ein bißchen Esoterik gemischt mit ein paar Psychoübungen und die Schüler wissen nicht, auf was sie sich jeweils einlassen. Dennoch halte ich es aber für wichtig, eine ganzheitliche Perspektive menschlichen Wachstums zu vermitteln. Also auf den Zusammenhang hinzuweisen, daß das Loslassen von tiefen inneren Verspannungen im Körper nur möglich ist, wenn gleichzeitig ein Loslassen auf der emotionalen oder psychischen Ebene stattfindet.

Ich habe das Glück, verschiedene Techniken gelernt zu haben. Daher biete ich, in meiner Schule neben, Taiji und Qi Gong, auch Selbsterfahrungs-, Meditations- und Push Hand-Gruppen an. Außerdem besteht die Möglichkeit zur psychotherapeutischen Einzelarbeit. Dann wissen die Leute was auf sie jeweils zukommt und können wählen.

 
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